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Christoph Flarer

Kurzvita:

1998 - Abschluss der Oberschule für Landwirtschaft Auer

2010 - Abschluss Architekturstudium an der Universität Innsbruck

seit 2010 - Arbeitet als Architekt in Bozen

Veröffentlichung von Kurztexten in versch. Zeitschriften

2013 - Veröffentlichung des Debütromans Am achten Tag (ISBN 3902711213) im Septime Verlag. Im Rahmen dieser Veröffentlichung Lesungen in Deutschland, Österreich und Italien.

weiteres: arbeitet zur Zeit an einem neuem Roman.


+ Leseprobe

Christoph Flarer

Am achten Tag

Roman

So wurden Himmel und Erde vollendet
und ihr ganzes Gefüge.
Am siebten Tag vollendete Gott das Werk,
das er gescha en hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte.

Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott,
nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte. Das ist die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde, als sie erschaffen wurden.

Gen 2,1-4

 

Es war ein Mittwochmorgen. Winter. Die Temperaturen eisig. Tereza reinigte die Schaufenster des Bettengeschäfts, in dem sie seit einigen Jahren arbeitete. In diesen frühmorgendlichen Stunden wurde die Innenstadt von denen bevölkert, die man dort sonst zu anderen Tageszeiten nie zu Gesicht bekam: Zulieferer und Händler mit ihren Autos, die die Geschäfte mit Waren aufüllten und hinterher gleich wieder verschwanden, bevor sich die Läden für die Kundschaft ö neten.

Tereza rieb ihre Handflächen fest aneinander und hauchte ihren warmen Atem zwischen die Finger. Während sie im Freien arbeitete und fror, war ihre Kollegin Sandra mit der Neugestaltung der Auslage beschäftigt und sichtlich froh, im Warmen bleiben zu dürfen. Tereza nahm den Lappen aus dem inzwischen lauwarmen Wasser und fuhr damit über die Glasscheiben. Bald würde sie diese Arbeit hinter sich ge- lassen haben. Seit ihrer Kündigung war sie wie verwandelt und eine nicht zu übersehende Beschwingtheit begleitete ihren Tagesrhythmus. Sie wusste ihre Arbeit zu schätzen, hatte sich in dieser Umgebung auch immer wohlgefühlt, aber dennoch sah sie den drei Monaten in der Mongolei mit Freude entgegen. Und allem, was danach kam.

Es war ihre Idee gewesen, nach Ulaanbataar zu iegen und von dort aus durch das ganze Land zu reisen. Marek war überraschenderweise gleich davon begeistert gewesen. Er, der sonst nicht so viel davon hielt, sich außerhalb ei- nes bekannten Gebietes zu bewegen, hatte die Kluburlaube vielleicht auch satt. Jedes Jahr hatten sie ihre freien Tage in einer dieser Enklaven verbracht – losgelöst von der Um- gebung, eingepfercht unter Stammesgleichen, die den Tag zwischen klimatisierten Zimmern, Mittagsbu et, Pool und Cocktails verbrachten, nur um dann und wann an durchor- ganisierten Touren teilzunehmen, welche die romantische Illusion bestärken sollten, ein fremdes Land sowie dessen Kultur erlebt, nein, sogar verstanden zu haben. Sie konnte diesen Massenabfertigungsurlauben noch nie viel abgewin- nen. Doch Marek hatte sich bisher nie dazu überwinden können, länger als eine Woche von seiner Firma fernzublei- ben. Und zugegeben, auch ihre Bequemlichkeit hatte einen Teil dazu beigetragen, dass sie letztendlich immer in einer dieser Ferienanlagen gelandet waren. Mit ihrer Kündigung und dem damit verbundenen Drang, einige Dinge zu än- dern, hatten sie sich dieses Jahr endlich für eine längere Auszeit und eine andere Art zu Reisen entschieden.

Tereza schrubbte mit einer groben Bürste den Sockel des Schaufensters ab. Sandra hatte ihre Arbeit im Innenbereich inzwischen erledigt. Sie winkte ihrer Kollegin zu und verschwand dann aus dem Schaufensterbereich.

Die Innere Mongolei war nur spärlich für den Massentourismus erschlossen, doch hatten Tereza und Marek sich gut darauf vorbereitet. Tereza konnte schon im Schlaf die Tagesabschnitte, -ziele und Attraktionen ihrer Route abrufen. Auf digitalen Landkarten und Satellitenbildern, sofern es denn welche gab, hatten sie sich gemeinsam die entsprechenden Orte angesehen, die Gegenden, die sie passieren würden, studiert, sich mit den landestypischen Gep ogen- heiten vertraut gemacht, über kulinarische Spezialitäten in- formiert und die Daten auf Mareks Smartphone gespielt. Er hatte sich außerdem ein Navigationsgerät gekauft, das neueste, das gerade auf dem Markt war. Der Sommer würde gerade beginnen, wenn sie in diesem fernen Land ankamen. Zurzeit herrschten dort durchschnittlich Temperaturen von 16 bis 22 Grad Celsius. Nur die Nächte waren bitterkalt. Aber auch dafür waren sie gerüstet.

Verdammt, dachte Tereza, so sehr sie auch rieb, sie bekam das moosartige Ge echt am Fuße des Sockels nicht weg. Aber zumindest war ihr durch das kräftezehrende Schrub- ben etwas wärmer und in einer Woche würde sie über alle Berge sein.

Carlos sass am Ende des langen Konferenztisches einem Rudel von enttäuschten Vorgesetzten gegenüber. Des Öfte- ren verbrachten sie den Feierabend gemeinsam in einer Bar, aber dazu würde es heute nicht kommen. Heute würde er den Frust alleine runterspülen müssen.

Als Leiter der Abteilung war es natürlich seine Schuld, dass die Dinge nicht so liefen, wie erwartet. Aber er konn- te es sich einfach nicht erklären. Alle Versuche hatten einwandfrei funktioniert, seit Monaten. Gegentests waren erstellt, die Maschinen von einer externen Arbeitsgruppe untersucht worden: Keine Fehler! Alles wunderbar! Vor- verträge waren abgeschlossen worden. Man hatte sich die Hände geschüttelt, sich gegenseitig auf die Schulter ge- klopft und von einem erfolgreichen Projekt gesprochen. Sie hatten sich bereits auf der Zielgeraden befunden.

Doch nun klappte seit ein paar Tagen gar nichts mehr. Die frobs arbeiteten nicht mehr richtig. Carlos hatte kei- ne Erklärung dafür. Denn auch in den Versuchsräumen, in denen die Vorgänge reibungslos abgelaufen waren und in denen man nichts mehr verändert hatte, wurden nun Fehl- funktionen produziert. Falls er und sein Team, auf das er sich blind verlassen konnte, die Ursachen für diese Defekte nicht in den nächsten Tagen nden sollten, würden die in-teressierten Käufer – Vorverträge hin oder her – abspringen. Sie würden das Projekt beenden und er sich um einen neuen Job und seinen Ruf kümmern müssen. Carlos sehnte sich schon jetzt nach ein paar Bier.

Endlich waren sie hier! Mehr als ein halbes Jahr waren sie auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück ge- wesen, hatten sich etliche Baugründe angesehen und jedes Mal versucht, sich an diesem Ort ein dauerhaftes Bleiben vorzustellen. Sie hatten sich mit dem Gedanken angefreun- det und ihn meist nach ein paar Tagen wieder verworfen, bis sie sich irgendwann zu einer Entscheidung durchringen konnten. Nach zwei weiteren Jahren, die durch die Planung und Errichtung des Neubaus vergangen waren, konnten sie endlich ihr neues Heim beziehen. Jack war schon bei der Grundstückssuche nicht gerade motiviert gewesen, bei der Planung ebenso wenig. Ihm schien die Tatsache zu genügen, dass sie in die Stadt ziehen sollten. Der Rest war ihm relativ egal, Emily aber nicht. Denn die meisten Menschen erfüllten sich nur einmal in ihrem Leben den Traum eines eigenen Zuhauses, wenn überhaupt. Deshalb wollte sie alles richtig machen. Für sich und die Kinder.

Das Haus war fantastisch. Sie war froh, sich für einen jungen und motivierten Architekten entschieden zu haben, der seinerseits, wie sich später herausstellen sollte, ebenso über aufgeschlossene Bauherren erfreut war. Natürlich war das ganze Vorhaben nicht gerade billig gewesen, doch das war es ihr wert und Jack des Hausfriedens wegen auch.

Es war ein weitläu ges Grundstück, das inmitten des Villenviertels der Stadt lag. Sie waren bestrebt gewesen, ein Stück der ländlichen Atmosphäre, die mit dieser herrlichen Aussicht und dem Park vermittelt wurde, mit in die Stadt zu bringen. Emily stand in der Küche und blickte nach draußen. Es war alles genau so, wie sie es sich gewünscht hatte. Von hier aus, durch die raumhohen Glaselemente hindurch, sah man die beeindruckende Bergkette im Hintergrund. Davor standen ein paar Nach- barhäuser, riesige Bäume und dahinter folgte die Stadt, die etwas tiefer lag. Apropos Bäume, diese mussten noch gepflanzt werden.

Zum Zeitpunkt, als Jack und Emily das Grundstück erworben hatten, lag das Anwesen schon längere Zeit brach. Hecken und Sträucher wucherten ohne Einschränkung vor sich hin und das Areal befand sich in einem Zustand, der eher einem Stück Urwald als einem gep egten Park glich.

Selbstverständlich wurde dieser Willkür ein Ende bereitet und sämtliche Pflanzen gerodet. Emily hatte auch schon vor geraumer Zeit einen Termin mit dem Gärtner vereinbart, um die Neuanlegung der Frei ächen in Angri zu nehmen.

Sie stieg die Treppe hinauf und ging ins Schlafzimmer. Jack zog gerade seine Kleidung aus, die von einer dünnen Staubdecke überzogen war, die sich durch das Transportieren der vielen Umzugskartons im Laufe des Tages darauf angesammelt hatte. Sie trat hinter ihn, schlug die Arme um seine Taille und schob ihren Kopf neben den seinen.

»Schön haben wir es hier.«
»Ja, das stimmt«
Als Emily nach kurzer Zeit ihren Mann aus der Umarmung entließ, zog sie verwundert die Augenbrauen hoch. »Wer ist das denn?«
»Wer?«
»Da, beim grünen Haus steht eine Frau auf dem Balkon.

Ich glaube, die schaut zu uns herüber.«
Jack lächelte und zuckte mit den Achseln. »Sie wird einfach nur wissen wollen, wer ihre neuen Nachbarn sind, die so ein beeindruckendes Haus gebaut haben.«

Sie hätte auf ein noch größeres Grundstück bestehen sollen, dachte Emily.

Das Gelände des Forschungsinstituts erstreckte sich über mehr als sieben Hektar. Ruben war gerade im Begri den Fahrstuhl zu betreten, als ihm die Leiterin der Verwaltung beim Öffnen der Aufzugtür entgegenkam. Er war et- was überrascht, denn Angestellte dieser Abteilung traf man selten in den oberen Stockwerken. Ihr Reich lag eher in den unteren Geschossen des Hauses. Ruben mochte die Frau, denn sie leistete ausgezeichnete Arbeit und war eine wichtige Schnittstelle zwischen Administration und Forschungsbereich. Sie bat ihn um eine kurze Unterredung. Deshalb kehrten sie in sein Büro zurück.

Die Kollegin aus der Verwaltung war unter anderem für die monatlichen Abrechnungen zuständig, deren Werte automatisch und in Echtzeit erfasst, elektronisch protokolliert

und überwacht wurden: Lohnausgaben, Steuern, Rechnungen, Einkäufe, Wasserverbrauch, Heizkosten, ein sich ständig erneuerndes Inventar, Mitarbeiterzahlen, Stromver- brauch. Letzterer war seit zwei Monaten um ein Drittel ge- stiegen. Als Leiterin der Verwaltung hatte sie daraufhin die Daten wiederholt auf ihre Richtigkeit überprüft, doch auch nach mehrfacher akribischer Kontrolle wurden die Werte in dieser Höhe bestätigt. Alles schien seine Richtigkeit zu haben. Der unerklärliche Anstieg des Stromverbrauchs wurde in den regelmäßigen Berichten vermerkt, doch da die Verwaltungsleiterin wusste, dass diese Berichte meist nur über ogen statt durchgelesen wurden, suchte sie nun das direkte Gespräch mit Ruben.

Für ihn stellte der angestiegene Stromverbrauch kein ernstes Problem dar, doch hatte das Institut in den letzten Monaten weder große Neuanschaffungen getätigt, die einen solchen Anstieg rechtfertigten, noch Versuchs- und Testintensitäten oder Arbeitszeiten in hohem Maße gesteigert. Es gab also keine plausible Erklärung dafür. Ruben beschloss, sich die Daten nochmals genauer anzusehen. Er wandte sich zum Computer und rief die Zahlen ab.

»Der Verbrauch ist nur in den Versuchsgebäuden angestiegen«, murmelte er vor sich hin, während sich die Verwaltungsleiterin hinter ihn stellte, um ebenfalls einen Blick auf den Monitor werfen zu können. »Und das Merkwürdige daran ist, dass der Verbrauch tagsüber nur minimal von dem der letzten zwölf Monate abweicht. Doch der Verbrauch in den Nächten ist beachtlich gestiegen.«

Ruben runzelte die Stirn. Die Trakte, in denen die Veränderungen festzustellen waren, hatten die höchste Sicherheitsstufe. Sie waren das Herzstück des Instituts und sicherten ihnen die Finanzierung durch zahlreiche Investoren und Förderer. Ruben rief das Archiv der Überwachungskameras auf. Das System hatte bisher nichts Ungewöhnliches gemeldet, doch wollte er die Videos noch einmal einsehen.

Die Bilder der Kameras in den Außenbereichen gaben keinen Aufschluss. Ruben wechselte zu den Innenkameras und öffnete das erste Video. Auf dem Monitor waren die einzelnen Versuchsräume zu sehen, die gänzlich aus Glas waren und in denen sich Maschinen, Roboter und andere mechanische und elektronische Geräte in den unterschiedlichsten Stadien befanden. Es war immer wieder faszinierend – eine Brutstätte künstlichen Lebens und mechanischer Intelli- genz. Er ö nete weitere Dateien, überall das gleiche Bild. In einigen Räumen herrschte Chaos, in anderen Ordnung – Fehlfunktionen neben reibungslosem Verhalten. Doch nichts wirklich Au älliges war zu sehen. Jedes Video wurde zwischen 20.00 Uhr und 24.00 Uhr schwarz, da die Innenkameras nur so lange aufzeichneten, wie Menschen in den Laboratorien arbeiteten – Stromsparmaßnahmen.

Starke Oxidation gefährdet Sicherheit des Eiffelturms.

Er fror. Obwohl er jetzt schon jahrelang so leben musste, hatte er sich immer noch nicht gänzlich an die Situation gewöhnen können. Die Kälte kam zwar meist schleichend, aber trotzdem ließ ihn der Wintereinbruch jedes Mal aufs Neue erzittern. Er kauerte sich in einem Hauseingang zu- sammen, warf seine Decke über die Knie und versuchte sich ganz klein zu machen, um den eisigen Temperaturen so wenig wie möglich Angri s äche zu bieten. Den Kopf auf die Brust gesenkt, umklammerte er unter der zerlöcherten Decke seine beiden Knie und starrte auf den Boden.

»He! Verschwinde vom Eingang!«

Ein Fuß stieß in seine Richtung. Er rutschte, ohne den Blick zu heben, auf die andere Seite des Treppenabsatzes und ließ den Bewohner ins Haus. Im Gegensatz zur Kälte machten ihm diese Freundlichkeiten weniger zu schaffen.