DE | IT | LAD
Detail avatar
„Ich begann, diese sich windende Treppe hinunterzulaufen, ohne mich umzusehen, denn mein Schatten war mir sicher, er war mein Antrieb.“ aus: Schattenlauf (Kopfüber an einem Baum, Skarabaeus/Haymon, 2003)
Anne Marie Pircher

ist 1964 geboren und in Schenna/Südtirol aufgewachsen. Sie lebt und arbeitet in Kuens und Meran.

Seit dem Jahr 2000 literarisch tätig. 2002 war sie Finalistin beim internationalen Literaturwettbewerb „Floriana“ in St. Florian/Linz.

Sie ist Mitglied im Südtiroler Künstlerbund sowie der Südtiroler und Grazer AutorInnen-Vereinigung.

 

pircher.anne@gmx.net 

www.annnemariepircher.eu

 

Bücher: 

  • bloßfüßig, Texte mit Illustrationen (2000)
  • Kopfüber an einem Baum, Erzählungen (2003)
  • Rosenquarz, Erzählungen (2007)
  • Zu den Linien, Erzählungen, edition laurin, Innsbruck (2014) 
  • Über Erde, Gedichte, edition laurin (2016)
  • Das Haus meiner Mutter, Erzählung, alpha beta (2017)

Theaterstück:

  • "Schwarz und weiß", Uraufführung im Theater in der Altstadt Meran im Februar 2011

 

 

 

 


+ estratti

… Als es draußen ganz vorsichtig dämmerte und das erste neue Licht sich zaghaft durch die Scheiben legte, wurden ihre Arme eine Spur langsamer. Ihr Kopf hob und senkte sich nicht mehr so energisch, aber immer noch schwamm sie zügig dahin. Einem Ende zu, von dem sie nicht wusste, ob es schon erreicht war oder ob sie es schon lange verpasst hatte.

Mit einem Mal überkam sie das sichere Gefühl, allein zu sein. Sie drehte ihren Kopf nach links, dorthin, wo er geschwommen war, sah aber nichts als ihr eigenes aufgeworfenes Wasser, dann nach rechts und schließlich nach hinten. Von ihm keine Spur. Außer ihrer eigenen, aufwühlenden Existenz vernahm und sah sie nichts. Nur ein großes, leeres Hallenbad in der Morgendämmerung, in deren Mitte ihr eigenes, nun beinahe lächerliches Rudern wirkte. Sie hielt inne, eine leichte Panik überkam sie. Schnell schwamm sie zum seitlichen Beckenrand, hievte sich hinauf und drehte sich nach allen Richtungen. Ihr nasses Haar klebte an ihrem erschöpften Körper. Mit ihren Handflächen wischte sie sich das Chlorwasser aus dem Gesicht. Ihre geröteten Augen brannten heftig und starrten auf die immer noch gleich weit geöffnete Scheibentür. Auf der Liege neben ihren gestapelten Kleidern lag noch seine Brille, deren Gläser im Zwielicht funkelten. Sie ging hin und sah jetzt auch einen glatten 500-Euro-Schein. Zögernd nahm sie die Note in ihre Hand und überlegte kurz, bevor sie das Geld wieder neben die Brille zurücklegte. Sie schauderte. Rasch trocknete sie sich ab und schlüpfte in ihre Kleider. Es war noch lange nicht hell genug, um sich sicher zu fühlen an diesem fremden Ort. Angezogen wagte sie sich langsam zurück zum Becken, starrte erst nur auf die sich noch wiegende Wasseroberfläche, blickte dann aber doch tiefer und versuchte, ihre Augen für die Dunkelheit dort unten zu schärfen. Langsam, konzentriert ins Wasser starrend, ging sie den Beckenrand entlang bis zur nächsten Biegung. Mit dem zaghaft eintretenden Licht von draußen zeichneten sich allmählich kleine, weiße Umrisse am Beckenboden ab. Ihr war kalt. In der Mitte des Beckens tat sich nach und nach ein weiß gezeichneter Kreis am Boden auf. Sie blickte auf und erkannte eine Uhr an einer der bemalten Wände. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, die Zeit abzulesen. Wenn sie richtig sah, musste es kurz nach halb fünf sein. Sie war also mehr als eine Stunde lang geschwommen, ohne abzusetzen. In der Sporthallte hatte sie es oft sogar auf zwei Stunden gebracht. Weiter vorne fiel das Licht günstig. Sie erschrak und wich zurück. Ein dunkler, breiter Schatten lag nur etwa einen Meter vom Beckenrand entfernt am Grund des Wassers. Mit den Händen rieb sie sich rasch die Augen, aber dadurch wurde alles nur noch verschwommener. Doch, jetzt konnte sie ihn erkennen. Rupert lag dort unten auf dem Boden, die Arme und Beine weit von sich gestreckt. Sie begann zu zittern. Sie wusste, dass sie niemanden retten konnte. Dafür hatte sie kein Geschick. Diese Mund-zu-Mund-Beatmungen oder Herzmassagen oder was auch immer, all das lag nicht in ihrem Bereich. Nicht einmal Hilfe holen war ihr vertraut, selbst das stand ihr nicht an. Also verweilte sie am Beckenrand und wartete auf das Licht, das schon kommen würde mit dem Tag. Sah zu, wie sein Körper sich langsam erhellte. Allmählich schälte sich sein Gesicht aus dem Dunkel. Mit zwei weit geöffneten Augen sah er schließlich zu ihr auf. Nicht tot, lebendig schien er ihr. Um seinen Mund lag eine Art Lächeln, als würde er sich über etwas lustig machen…

aus: Nachtwasser (Rosenquarz, Erzählungen, Skarabaeus/Haymon, 2007)