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Kühle Macht. In weißen Kalk gemeißelt / Das Scheitern / Völker vergessen / Glauben / Den Heißblütigen anderen / Helden als jenen / Die aus schüchternen Schatten / Kühlköpfig / sich neigen ihnen zu Erschienen in: Rupert Larl (Hg.): Menschen und Momente. Bilder und Texte. Limbus Verlag 2016
Anna Rottensteiner

Geboren 1962 in Bozen, Studium der Germanistik und Slawistik in Innsbruck, nach dem Studium Tätigkeit als Buchhändlerin und Lektorin. Seit 2003 Leiterin des Literaturhauses am Inn.

Gemeinsam mit Christine Riccabona Herausgeberin des Online-Literaturmagazins „LiLit – Literatur im Lichthof“.

Arbeiten zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, insbesondere jener Nord- und Südtirols; Rezensentin für verschiedene Medien; Begutachterin italienischer Belletristik für deutsche Verlage.

Literarische Tätigkeit seit 2008. Mitglied der Südtiroler Autorinnen Autoren Vereinigung und der IG Autorinnen Autoren.

Blog: grenzwandeln.wordpress.com

  

ROMANE:

  • 2013: Lithops. Lebende Steine. Roman. edition laurin, Innsbruck
  • 2016: Lithops sassi vivi. Romanzo. Dal tedesco tradotto da Carla Festi, Keller editore, Rovereto
  • 2016: Nur ein Wimpernschlag. Roman. edition laurin, Innsbruck

  

ERZÄHLUNGEN:

  • Nora. Erzählung. In: Literatur und Kritik. Jg./Nr. 435/436, Juli 2009
  • Lithops. Auszug. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Jg./Nr. 31, 2012
  • Komplementär. Erzählung. In: Literatur und Kritik. Jg./Nr. 467/468, September 2012, S. 44-48
  • Inkluse. Erzählung. In: Dolomiten vom 06.04.2013 (Literatur am Samstag)
  • Alle Puppen haben einen Namen. Erzählung. In: Panoptica. Frauen.Kultur.Tirol. 2013
  • Sie erzählt keine Geschichte, sie ist die Geschichte. Eine emotionale Gestalt hadert mit sich und auch die Erzählerin. In: Manfred Müller, Barbara Neuwirth (Hg.): Chor für Marianne. Eine Festschrift für Marianne Gruber. Löcker Verlag 2014, S. 125 - 127
  • Ach der See. Erzählung. In: Reimmichls Volkskalender 2015, Tyrolia Verlag,
  • S. 194 – 200.
  • Flügelschlag. In: Horst Schreiber, Monika Jarosch, Elisabeth Hussl, Martin Haselwanter (Hg.): Trotz alledem. Gaismair-Jahrbuch 2017. StudienVerlag, S. 237 – 240.
  • Hin und her. In: Quart. Heft für Kultur Tirol, Nr. 28/16. Haymonverlag 2016, S. 87-93
  • 7 Gedichte. In: Rupert Larl (Hg.): Menschen und Momente. Bilder und Texte. Limbus Verlag 2016, S. 32, 34, 36, 44, 46, 48, 54.

  

STIPENDIEN:

  • 2014/2015: Arbeitsstipendium des Landes Südtirol/Abteilung für Deutsche Kultur
  • 2014: Aufenthaltsstipendium durch das Bundeskanzleramt für Kunst und Kultur für die Casa litterarum in Paliano (Rom)
  • 2016: Projektstipendium des Bundeskanzleramtes für Kunst und Kultur für das Romanprojekt „Hinterland“

+ Leseprobe

 

Amadou, Kaser und ich.

 

leoncin

perchè mai

miagola

nel suo

deserto

 

Löwenjunge

Warum nur

Miaut er

In seiner

Wüste

  

Während eines Vortrags zu Gerhard Kofler, in dem seine Selbstübersetzungen von der lingua eletta, dem Italienischen, in seine Muttersprache, das Deutsche, Gegenstand der Untersuchung war, ging mir einiges durch den Kopf.

Ich sitze neben einer Kollegin, die Lyrik-Spezialistin ist. Sie und ihr Mann sind Eltern von zwei äthiopischen Kindern. Ich bin gedanklich gerade mit der Übersetzung eines poetischen Notats von n.c. kaser aus dem italienischen ins Deutsche beschäftigt. Und ich denke an Ousman, an Amadou, meinen Freund und Patensohn, dessen Schicksal über seinen Verbleib in Italien, in Europa, in den nächsten Tagen vor Gericht entschieden wird.

Jeder hat sein eigenes „deserto“, seine Ödnis, seine Wüste, seine Einsamkeit. Und ist doch über unterirdische Kanäle mit der Oase verbunden, in der er auf andere Menschen trifft.

Ich möchte Kathrine gerne fragen, ob ihre Kinder auch die Sprache ihres Ursprungslands sprechen, ob diese Tigrinya ist, ob sie von den Amharen abstammen. Ob das für sie, Kathrine, von Bedeutung ist, ob für die Kinder.

Ein Gedicht über Bozen steht nun im Mittelpunkt der Interpretation. Bozen, „bella città“, ja, das empfinde ich genau so. Eine schöne Stadt, in der „zwei sprachen fließen / ohne daß die eine / die andere / durchdringt“ . Der Vortragende hebt die viele Interpreten verstörende deutsche Übersetzung von „accanto“ mit „undurchdringlich“ hervor. „Accanto“, dazu hat er viele Assoziationen, die ihn zum „Canto“ führen, zur poetischen Liedtradition, zu den „Canti“, denen sich Kofler sicherlich verbunden fühlte. „Accanto“ heißt doch einfach „nebenan“, „nebeneinander“, denke ich bei mir. Und dass das Deutsche mit dem „Undurchdringlich“ viel stärker betone, dass die beiden Sprachen nebeneinander stünden, ohne sich je zu berühren.

Ich denke an mein Bozen, an mein „quartiere“, mein Viertel, in dem es längst nicht mehr diese beiden Sprachen sind, die nebeneinander existieren, die sich nicht berühren. Die „zwei sprachen“ von Koflers Bozen haben sich miteinander arrangiert, wenn auch mehr schlecht als recht. Im Alltag fließen sie mitunter einander zu, gibt es doch Berührungspunkte. Im Politischen hingegen ist die Segregation und das Segregationsbedürfnis durch eine starke Propension zur extremen Rechten hin bemerkbar, vor allem bei den italienischen Muttersprachlern. Aber dennoch behaupte ich: Die beiden Sprachen haben ein Arrangement gefunden, auf schwindligen Boden zwar, der immer wieder Risse bekommt. Aber ein Arrangement. In Abgrenzung zu den anderen Sprachen, die zunehmend in Bozen gesprochen werden. Und von den Menschen, die diese sprechen. In meinem „quartiere“ vor allem.

Ich erzähle Kathrine von meinem Übersetzungsprojekt mit kasers notat. Von der Schwierigkeit, die schon im ersten Wort steckt: „Leoncin“ : im Italienischen männlich, „Löwenbaby“ passt daher gar nicht, ist zu verniedlichend und verkleinernd. In „Leoncin“ steckt bereits die zukünftige Kraft und gleichzeitig die spezielle Beziehung des Männlichen zu seiner Mutter, auf die in der zweiten Strophe des Notats referiert wird. Wir suchen gemeinsam nach Möglichkeiten. Löwenjunge, Junger Löwe, Löwenbub, Löwenkerl … Bui, warum nicht Bui, meint Kathrine spitzbübisch. Und bringt mich damit auf eine Spur. Warum nicht Kasers Gedicht in Mundart übertragen, in die Mundart jenes Tals, dessen Enge er verzweifelt zu entrinnen versuchte.

löwnbui

prum lei

raunzt a

alluane

umidum

 

Die „Wüste“ nehme ich heraus dabei und entscheide mich für die Bedeutung des Wortes „deserto“ im Sinne von „Ödnis, Einsamkeit“, die im Italienischen als Konnotation im Wort enthalten ist.

Und weiter: warum nicht in das Sprachengemisch übersetzen, das ich heute aus meiner Stadt, aus Bozen, kenne?

leoncin

worum lei

miaut’r umadum

in sein

deserto

 

Warum nur fällt mir das ein, während ich einem Vortrag über Gerhard Kofler lausche? Kofler hat sich bewusst auf die zweite Sprache eingelassen, auf die Sprache der Sehnsucht, der Liebe, auch des Lachens, des Humors, wenn er Gedichte im neapolitanischen Dialekt verfasste. Er vertiefte sich in die zweite Sprache, eignete sie sich an über Reisen und Lektüren, wollte ihre Feinheiten erfassen, sie sich einverleiben, ganz in ihr sein. GANZ in ihr sein. So sehr, dass ihm die erste zur zweiten wurde, und diese mehr geliebt als die erste. Darin kann ich ihm folgen, die Sprache, für die man sich entscheidet, kann man bewusst mehr lieben als jene, die man mit der Muttermilch aufsog sozusagen. Weil es ein AKT der ENTSCHEIDUNG ist, so wie man sich für den Menschen, den man liebt, entscheidet.

Mich fasziniert an Ousman seine un-besorgte Art, mit Sprachen umzugehen. Es ist ihm nicht wichtig, ob es Französisch, Englisch, Italienisch, Wolof, Mandinka oder Foula ist. Er bezeichnet sie nicht.

Man dem casa Isa pour eat. Ich gehe in Isas Haus um zu essen.

Er verwendet die Wörter, um sich verständlich zu machen, in einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, die mir, zweisprachig aufgewachsener Germanistin, die Atemluft gefrieren lässt, mich aber dann ein Gefühl von Freiheit erahnen lässt, die jenseits der einstudierten Gesten und Rituale liegen. Dennoch ist er sehr exakt und genau in dem, was er wie benennt. Er geht nicht sorglos um mit den Wörtern. Aber anders als ich es gewohnt bin.

Namen sind wichtig. Daher habe ich jetzt auch einen afrikanischen Namen. Ich bin Fatou, die Erstgeborene Tochter Mohammeds. Das hat eine Bedeutung insofern, als ich die Erstgeborene in meiner Familie bin. Als Tochter Mohammeds besaß Fatou, arabisch auch Fatima, eine besondere Bedeutung in dem, was sie sagte. Ousman hört auf mich, ich bin seine europäische Wegweiserin. Es ist nicht egal, was ich wie zu ihm sage.

Er merkt sich sehr genau, wenn ein Wort in unseren europäischen Sprachen mehrere Bedeutungen hat. Das kennt er vom Wolof oder Foula, seinen beiden Sprachen, nicht. Es fasziniert ihn und ein Lachen der Erkenntnis entfährt ihm, wenn ich ihm sage, dass „Tempo“ sowohl die „Zeit“ bezeichnet als auch das „Wetter“. Mir fällt auf, dass ich ihm das vielleicht deshalb so gut erklären kann, weil ich das Italienische eben auch erfahren musste durch die Sicht einer anderen, nämlich meiner Muttersprache.

Er kann Italienisch lesen mittlerweile. Er liest gut. Doch oft versteht er den Sinn der Wörter nicht, die er liest. Ich bewundere ihn dafür, dass er den Willen zu lesen – und zu verstehen – nicht verliert. Ich habe lesen gelernt in der Sprache, die ich zuvor gesprochen habe. Welch ein Luxus, denke ich mir, bei den einfachsten Dingen, die uns selbstverständlich erscheinen.

Weil er deren Bedeutung nicht kennt. Ich versuche, sie ihm mittels Englisch und der paar Wörter Wolof, die ich kenne, zu erklären.

Wir sollten aufhören mit unseren Kämpfen um die Vorherrschaft von Sprachen. Sie machen, gerade in einem Kontinent wie Afrika, nicht an den nationalen Grenzen, die dort von den Kolonialmächten gezogen wurden, Halt. Auch bei uns nicht. Und wir sollten unbekümmerter sprechen, nach-sprechen das, was wir hören.

Daher nun auch noch diese Übersetzung von Kasers poetischem Notat.

Layon small

Why

dafa miaou

Ci sa

Deserto

 

So wie Ousman bereit ist, unsere Sprachen zu lernen, so sehr ist er bereit, uns für die seinen zu interessieren. Er fordert es nicht ein, aber er nimmt es als selbstverständlich an. Wenn man sich verstehen will. Wie denn sonst. Viele werden es nicht sein, die sich auf diesen Dialog einlassen, auf dieses Einander Zugehen, das Ousman mitbringt. Viele sagen ihm, nun bist du hier bei uns, nun hast du auch unsere Sprache zu sprechen. Wie viele Sprachen er bereits erlernte, bevor er zu uns kam. Da sind wir mit unserer kultivierten Zweisprachigkeit ja nur arme Schweine dagegen. Und meinen auch hier noch, dass wir die eine Sprache nur über die Ausgrenzung der anderen erhalten können. Rein erhalten können. Sprachlicher Rassismus. Wie gut wir darin sind.

Auch ich habe Ousman einen Namen gegeben. Amadou. In Afrika eine Form in Anlehnung an Mohammed, denke ich Europäerin an Amadeus, und an die französische Form von Amatus, „geliebter Mensch“.

Armer kleiner Löwe, ganz allein in seiner Wüste, miaut auf der Suche nach Zugehörigkeit. Seine Wüste, die sind wir, die ist Europa. Wo ist seine Mama. Sa yaye. Ist weit weg. Unser Land ist seine Wüste, doch er will sie sich zum Blühen bringen.