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fallen leere/ abgrund. der anker buchstabiert rollt steine baut brücken: du.
Josefa Lamprecht

Geboren  in Latsch/Vinschgau (Südtirol). Studium der Erziehungswissenschaft und Germanistik in Innsbruck. Lebt seit 1981 in Bruneck.
Sie schreibt Romane und Erzählungen. Ihre literarische Sensibilität gilt dem Menschen, seinem Fallen und Wachsen, seiner  Inspiration, dem Augenblick.

Als Lehrerin begleitete sie kreative Schreibprojekte und verfasste dramaturgische Texte für das Schultheater. Den integrativen Lernkoffer „Bauen und Wohnen“ des Schulverbundes Pustertal ergänzte sie mit den Büchern:

  • Sam und Gorki (Kinderbuch/2009)
  • Kreative Sachtexte (Lesebuch/2010)
  • Märchen und Sagen zu historischen Plätzen (Mitautorin /2011)

     
    Publikationen
  • Es lehrt das Leben (Provinz Verlag/ 2016 Erzählung)
  • Überfahrt (Provinz Verlag/2018 Roman)

    Website: josefalamprecht.com
    E-Mail: josefa_lamprecht@yahoo.de

+ Leseprobe

Textauszug aus dem Roman "Überfahrt"


  Großmutter Adanna hatte in den letzten Jahren alle Münzen und Geldscheine in ihre kleine Schatulle gelegt, um Ayo die Überfahrt zu bezahlen. 
 „Ein Halsabschneider, der dicke Roberto, und das ganze Geld auf einmal, nicht ratenweise“, hatte ihr Carlo, der Wirt der schmutzigen Kneipe, heimlich erzählt. „Nur dann ist ein Platz auf der Buia gesichert.“  Ihm vertraute sie, kannte ihn schon seit Kindertagen. 
  Viel Gepäck trug Ayo nicht bei sich. Die wenigen Habseligkeiten, so dachte er, reichen aus für den Anfang. Hastig noch einen dicken Kuss auf Großmutters faltige Wange und dann rasch ans Ufer.
Tiefschwarze Nacht, die Sicht kaum einen Fußbreit. Nur das Plätschern der Wellen, die an das vor Anker liegende Boot klatschten, wies die Richtung.
  Vorsichtig und schweigend kamen sie alle aus dem Gebüsch hervor: genau nach Vorschrift.
  Drei Männer lehnten am hohlen Baumstamm, der die Einfahrt zum Strand an dieser Stelle blockierte. Kaum erkennbare Gebärden mahnten zur Eile.
 Wie gerne hätten sie alle auf einmal das Boot gestürmt, aber man wusste: kein Gedränge, keine Stimmen in der pechschwarzen Nacht.
  Alles lief nach Plan. Bald war jeder Zentimeter des alten Schiffes besetzt. Man kauerte auf dem Boden, lehnte an den Wänden, stand einfach da und warf einen letzten, sehnsüchtigen
Blick zurück, nahm Abschied von der Silhouette des Küstendorfes, wo in allen Ecken die Sehnsucht nach Freiheit hockte.
  Vorletzte Nacht hatte Ayo mit seinen Freunden Chidi und Feba gefeiert. Sie waren am Strand gelegen und hatten schweigend Fleischstücke über dem Feuer gedreht. Die äußersten Hautschichten schwarz verkohlt, war jeder Bissen knackig und saftig.
 Sie hatten die Kindheit miteinander verbracht, die meiste Zeit im Freien. Jeden Winkel des kleinen Küstenortes hatten sie gekannt, waren laut johlend hintereinander hergelaufen und hatten sich das Bein gestellt. Alle waren sie dann übereinander gefallen und ein Knäuel brauner Haut hatte sich dem seichten Meereswasser zugewälzt.
  Chidi und Feba starrten schweigend in die Glut, spürten der Traurigkeit nach, hatten Angst um Ayo, denn jeder wusste, wie gefährlich die Überfahrt war. Irgendwann wollten auch sie den Fuß in die große Freiheit setzen, aber jetzt fehlte noch das nötige Geld, um die Überfahrt zu bezahlen. Tief im Inneren waren sie sogar froh darüber, sie liebten ihr Zuhause, ihre Eltern und Geschwister, das Dorf und die Menschen. All das aufgeben für eine paradiesische Freiheit auf einem anderen Kontinent?
 
  Dunkelrote Lichtstreifen hatten sich am Horizont gebildet, nachdem die Sonne im Schwarz des Meeres versunken war. Helle Linien lagen noch auf dem Wasser, wurden immer dünner und versanken schließlich in den wogenden Wellen. Ihr Plätschern und Rauschen war das einzige Geräusch, das die Stille unterbrach.
  Sie lagen am Strand. Jala hatte die rote Lieblingsdecke mit dem braunen Löwengesicht in einiger Entfernung vom Ufer auf dem Sand ausgebreitet. Später würde das Wasser steigen und den Uferstreifen ganz bedecken. Sie wählten eine abgelegene Stelle, die kaum von Dorfbewohnern aufgesucht wurde, wo nur streunende Hunde hie und da in den Sand pinkelten.
Ayo hatte Cola und Bier mitgebracht, Jala dünne Fladenbrote, Ayos Lieblingsspeise.
 Sie fanden keine Worte heute Abend. Wie Feuer bohrte der Abschiedsschmerz in allen Gliedern, schnürte die Kehle zu und presste die  Lippen aufeinander. Er hielt sie in seinen Armen, leckte ihre Haut, hauchte seinen Atem in ihre Poren, die seinen Schweiß im heißen Dunst der Nacht einsaugten. Pausenlos strich seine Hand über ihren Körper, glitt über das Haar, fiel in den Schoß, streifte die mageren Schenkel und Beine und erhob sich dann wieder, um neu zu beginnen.
  Jala ließ es wortlos zu. Sie wusste, dass es kein Wiedersehen gab. Er  wird fortgehen und ein anderer Mann aus dem Dorf wird Vater um meine Hand bitten.  Ich werde ihm in seine Hütte folgen und ihm Kinder gebären, dachte sie. Sie schloss die Augen, wollte den Tränen nicht freien Lauf lassen, es Ayo nicht unnötig schwermachen. Sie bewunderte seine mutige Entscheidung, seine folgsame Dankbarkeit Großmutter Adanna gegenüber, obwohl er wusste, dass er vielleicht nie ankommen und jämmerlich in den Fluten des Meeres ertrinken würde.
 Sie legte sich auf den Rücken. Das Konzert der zirpenden Grillen in den Büschen hörte sie nur mehr bruchstückartig. Ihr Blick starrte in die Ferne, in den Sternenhimmel, fiel auf die Milchstraße, blieb am großen Bären hängen, ließ dann ab von diesem Sternbild und kehrte wieder zurück. Ihre Hände strichen über krauses Haar, drückten ein trauriges Gesicht an ihre Brust und fühlten rhythmisches Pulsieren wallenden Blutes in seinen Adern. Dass es ein Abschied war, und es so nie wieder sein würde, dachten sie in diesem Augenblick beide nicht.
  Auch Ayo legte sich auf den Rücken, starrte  in das Schwarz der Nacht und ließ den Tränen freien Lauf.
 Jala schob ihre Hand in die seine, drückte sie sanft und wartete, bis er eingeschlafen war. Sie schloss heute ihre Augen nicht zum Schlaf. Keine Minute wollte sie verlieren. Ununterbrochen betrachtete sie seinen Körper, hörte nach seinem Atem, hielt seine Hände fest, wenn sie im Schlaf unruhig in der Luft gestikulierten. Heute war sie noch ganz nah bei ihm, und das fühlte sich gut an.
  Am Morgen nach ihrer letzten Nacht war Ayo einfach aufgestanden, hatte Jala, die gegen Morgen hin ihre Augen nicht mehr offenhalten und dem Schlaf trotzen konnte, nicht geweckt. Hastig hatte er T-Shirt und Hose übergestreift, ihr einen letzten Kuss auf die Wange gehaucht und war fortgerannt. Im Zimmer seiner Hütte hatte er sich ins dunkelste Eck gekauert, hatte alle Gedanken in seinem Kopf verscheucht, sie einfach weggedrängt  und  nicht zu Ende gedacht. Er ließ nur jene zu, die nicht schmerzten.
  Erst am Abend, als Großmutter Adanna ihn mahnte, sich zu beeilen, da die Zeit dränge, war er aus seinem Versteck hervorgekrochen, hatte hastig noch einige Habseligkeiten in seinen Rucksack geworfen, mit Mutter, Vater und Großmutter schweigend das letzte Abendessen eingenommen und war zur verabredeten Stelle am Ufer gerannt.
 Großmutter Adanna hatte sie ihm an der Schwelle der Haustür ins Ohr geflüstert.